Vater-unser-Weg

                                          AUFERSTEHUNGSKAPELLE

Südfriedhof,   Plöner Straße

Licht von oben - Leben in der Kraft der Auferstehung

Die Auferstehungskapelle auf dem Südfriedhof lädt seit 40 Jahren    Trauernde ein, von hier aus Verstorbene mit einem Gottesdienst zur Beisetzung zu verabschieden. Sie trat damals an die Stelle einer Friedhofskapelle, deren Standort noch heute auf dem Nordfriedhof zu erkennen ist, markiert durch sieben Steintafeln von Hermann Pohl.

Die neue Kapelle musste damals mit bescheidenen Mitteln erstellt werden. Nachdem vor einigen Jahren schon die Wirtschaftsräume gründlich renoviert wurden, ein freundlicher Warteraum für Angehörige eingerichtet worden war, blieb als letztes Vorhaben die Erneuerung der Kapelle übrig.

Den Architekten und dem Bauherrn, dem Kirchengemeindeverband Neumünster, sei gedankt, dass wir jetzt nach dem Umbau in ein Gotteshaus einladen können, das die Besucher unmittelbar anspricht.

Besonders eindrucksvoll ist das Koblasa-Kreuz, das mit seinen Bild-Zitaten den Blick auf sich zieht. Schwarz und schwer steht es vor Augen - wie der Tod selbst, den die Menschen, die in die Kapelle kommen, sehr verschieden erlebt haben. Das Kreuz nimmt uns gefangen - es sei denn, dass wir dem Licht folgen, das von oben hereinfällt. Martin Luther hat dazu in einem Weihnachtslied gedichtet:

Das ewig Licht geht da herein,
gibt der Welt ein' neuen Schein.
Es leucht' wohl mitten in der Nacht
und uns des Lichts Kinder macht.

An die Auferstehung glauben heißt, dem zu trauen, der sagt: Ich bin das Licht der Welt. Es will besonders bei denen aufleuchten, die im Schatten des Todes leben müssen. Die Lieder, die wir singen, die biblischen Texte, denen wir zuhören, die Gebete, die wir sprechen - alle wollen uns hereinholen in diesen Lichtkegel, damit wir mit den schwarzen und schweren Kreuzen unseres Lebens nicht alleingelassen sind.

Wer zu einer Beerdigungsfeier kommt, ist meistens etwas früher da. Er lasse sich Zeit für diesen Raum, lasse sich und seine Gedanken hineinnehmen in dieses himmlische Licht. Er wird die Kraft entdecken, die in der Hoffnung auf die Auferstehung steckt - das neue Leben, das Gott uns schenken will.

Neumünster, den 02. Advent 1997                                                    Johannes Jürgensen, Propst

 

Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren, liebe Freunde,

ein Auftrag, ALTAR und  KRUZIFIX für eine Friedhofskapelle zu entwerfen und zu realisieren, ist eine seltene, nicht einfache Aufgabe, vor allem in der heutigen Zeit, in welcher der Trend dahin geht, Tradition und das rituelle Denken aus unserem Leben zu verdrängen.

Die erste Frage, die ich an mich stellen musste, war die: Wie kann, soll und muss ich mit dem von Herrn Hain so schön in seiner Form und der gegebenen Proportion gestalteten Raum umgehen. Die zweite Frage, die parallel zu beantworten ist, lautet: WIE und WOMIT wäre der Gemeinde beizustehen und zu helfen in der Zeit des Abschiedes. Die Architektur des Raumes erfordert ein die gesamte Vorderwand füllendes Kreuz - eine reiche, erzählerische Struktur.

Die Dominanz des Kreuzes bedeutet die Notwendigkeit eines schlichten Altars und einer Kanzel gleicher Art: Die begleitenden Gegenstände (Kerzenständer und Blumenhalter) mussten sich im Aussehen unterordnen.

 

Konzeption des Kreuzes:

Ich gehöre nicht zu den Künstlern, die so in sich verliebt sind, dass sie der Illusion verfallen, die Kunst selbst entdeckt zu haben. Mir ist wohl bekannt, dass jedes Kunstwerk ein Teil der Reihe ist, die seit der Entstehung von den ersten menschlichen rituellen Zeichen und Objekten - bis heute und bis übermorgen - existiert und existieren wird.

In die Darstellung der Kreuzigung des Isenheimer Altars von Matthias Grünewald kann ich mich bei jedem Colmar-Besuch (und ich fahre nur deswegen hin) immer in Staunen vertiefen. Die breit ausgestreckten Arme, das Antlitz des Schmerzes, die Tiefe der Wunden, die Trauer und die Schönheit der Malerei, die nicht im Widerspruch zu dem Inhalt steht, sondern es erst dem Betrachter ermöglicht, sich hineinzudenken und sich mit der Passion zu identifizieren. Brüggemanns Altar im Schleswiger Dom erfüllt mich bei jedem Anschauen von neuem durch seine minuziöse, erzählerische Vielfalt der Darstellung mit Bewunderung: Jedes Detail der geschnitzten Geschichte ist mit menschlicher Wärme, Verständnis und Können in reicher plastischer Struktur dargestellt. Dieses sind zwei Patenwerke aus der Kunstgeschichte, die mir als Vorbild dienten. An der breiten Kreuzarchitektur habe ich in einem Plan die Wunden Christi betont dargestellt.
Die DORNENKRONE verwandelt sich aus der quälende stacheligen Enge in eine strahlende GLORIA. Die tiefen Krater der Wunden in den Händen und in den Füssen - und der Vulkan in dem Herzen - offen strahlend - rundherum die vier Märtyrernägel.

Als Gegenrhythmus - als den zweiten Plan - habe ich vier wesentliche Geschichten aus dem Leben Christi ausgesucht und treu in den Ton mit Handschrift umgesetzt. Leonardo da Vinci: "VERKÜNDIGUNG " und " DAS LETZTE ABENDMAHL", Raffaels "SIXTINISCHER MADONNA" und Michelangelos "PIETA" - die vier schönsten Darstellungen, vier Stationen. Dieses alles wurde mit der Pyramide der Trinität gekrönt, als Hoffnung und zu dem Gipfel zielend. Alle Szenen werden von den Engeln beweint, bejubelt, präsentiert. Durchschimmernde blaue Farbe lässt den Abendhimmel erahnen, die kurze Zeit, bevor die schimmernde tiefe Nacht unsere Welt in dunkle, immaterielle Schatten umwandelt.

Ich möchte mich bei allen, die mir behilflich waren, bedanken: Herrn Christian Petersen, Herrn Wandy und seiner Crew aus Dänemark für die keramische Technik, der Familie Rinsche aus Westfalen für die Steinteile, dem Uwe Gripp für die Metallobjekte, meiner Frau Sonja Jakuschewa für die Hilfe beim Glasieren, Herrn Kröger für die Koordination sowie bei allen, die die Realisation ermöglicht haben.

Danke schön, Jan Koblasa, Hamburg

 

Umbau der Auferstehungskapelle Friedhof  Neumünster

Die im Jahre 1957/58 von dem Architekten F. W. Hain und H. Bülk entworfene Kapelle wurde in besonders sparsamer Bauweise errichtet. So war auch der kryptenhafte vom Kirchenschiff abtrennbare Altarraum zu erklären, der eine sehr tiefgezogene Decke mit kleinem Oberlicht über dem Katafalk hatte. Aus gleichem Grunde entstand die ornamentale Betonwabenverglasung des Kirchenschiffs. Der gesamte Raumeindruck war für unser heutiges Empfinden sehr düster.

Die entwurfliche Neubearbeitung sollte die Kapelle aufhellen und den Altarraum in seiner Bedeutung steigern, außerdem waren technische Schwächen, wie Teile der Flachdachkonstruktion und die Fenster zu verbessern. Die Abtrennbarkeit des Altarraumes wurde aufgegeben, die seitlichen Abstellräume im Altarbereich entfernt, die niedrige Stahlbetondecke im Mittelteil herausgesägt und durch bogenförmige Leimbinder mit unterseitigen Rigipsverkleidung angehoben. Die Dachhaut der gewölbten Chorraumdecke wurde in Kupfer-Stehfalzdecken dem vorhandenen Hauptdach angeglichen. Das vorhandene Altarpodest wurde vorgezogen, um auch hinter den Altar treten zu können. Die Chorraumzone für die Angehörigen wurde in das Kirchenschiff hinein erweitert und durch Natursteinbaluster sichtbar gemacht. Der vorhandene Boden wurde abgeschliffen, die Bänke umgearbeitet und mit einer neuen Gesangsbuchablage versehen. Die im Lauf der Jahre in Vergessenheit geratene Schiebekonstruktion der Eingangstür wurde wieder gangbar gemacht. Das Vordach erhielt eine Wetterschutzwand und eine Glasabdeckung über dem Eingang. Alle Dachflächen wurde zusätzlich gedämmt, die unregelmäßige Heizkörperanordnung durch eine Verkleidung gestalterisch überarbeitet. Die erneuten blendfreien Beleuchtungskörper sollten durch ihre neutrale Form und Lichtführung nicht von der Wirkung der natürlichen Kerzen ablenken. Die ursprünglich gebeizte Stabdecke  im Mittelteil des Schiffes erhielt den Wandton, um den Raum großzügiger zusammenzufassen. Die Seitentüren, Orgelgitter und Bänke wurden in einem lichtgrauen Farbton gestrichen und wurden so den wichtigen Elementen des Altarraumes untergeordnet. Das gleiche gilt für die sehr schönen von Prof. Eiermann entworfenen Stühle, hierdurch wurde eine teure Neubestuhlung vermieden. Die Orgel wurde überholt, klanglich verbessert und erhielt einen neuen sinnvollen Standort.

Der Bildhauer Prof. Jan Koblasa aus Hamburg gestaltete die für den gesamten Umbau wichtigsten Elemente im Altarraum und deren Zuordnung. Das den Raum beherrschende Kreuz aus glasierter Keramik wurde von Koblasa zusammen mit Sonja Jakuschewa in Ch. A. Petersens Ziegelei, Egernsund in Einzelplatten modelliert und dunkelblau glasiert. Der Altartisch, die Kanzel und die seitlichen Säulen wurden aus Anröchter Sandstein nach Entwürfen Koblasas hergestellt, ebenso die vernickelten Kerzen- und Kranzständer sowie die Blumenschalen, die von Uwe Gripp aus Damendorf angefertigt wurden.

                                                            Friedrich Wilhelm Hain

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.

 

Liebe Gemeinde!

Wer die Auferstehungskapelle betritt spürt gleich: Dieser Raum wird von dem Kreuz beherrscht. Ein raumgreifendes Kreuz in einer Auferstehungskapelle, ein Kreuz in dieser Größe bei allem, was in der letzten Zeit über Kreuze gesagt und geschrieben wurde - da tauchen Fragen auf. Erdrückt es nicht? Macht es dunkle Gedanken, die in diesem Raum gedacht werden, nicht noch dunkler? Zieht das Kreuz nach unten oder trägt es die, die unten sind?

Bei genauerem Betrachten gibt unser neues Kreuz, so wie es Jan Koblasa gestaltet hat, selbst Antworten auf diese oder ähnliche Fragen. Mir fallen zunächst die Wunden an den Enden des Querbalkens und unten am Längsholz sowie in dem gut erkennbaren Herzen ins Auge. Fast kraterförmig sind die gestaltet. Hervorgerufen durch die Marternägel und die Lanze. Tiefe Verwundungen werden anschaulich. Wie viele verwundete Herzen werden vor diesem Kreuz sitzen. Andere werden sich wie angenagelt vorkommen. Der Tod grenzt Spielräume ein. Schmerzhafte Prozesse im Lebenslauf müssen nicht zugedeckt werden - so sagt uns dieses Kreuz. Tod wird nicht verdrängt. Wer vor diesem Kreuz sitzt, befindet sich Auge in Auge mit ihm. Nun ist es nicht irgendein Kreuz es ist das des Mannes aus Nazareth, von dem vorausschauend in prophetischer Vision gesagt wird: Fürwahr, er trug unsere Krankheit und nahm auf sich unsere Schmerzen. Er offenbart uns den im Leiden solidarischen Gott, Jesus, den Bruder und Freund, auch und gerade im Leiden.

Seine Geschichte erzählt das Kreuz. Auf der - von Ihnen gesehen - linken Seite des Querholzes hat Jan Koblasa die Verkündigung - die Ankündigung der Geburt Jesu - nach Leonardo da Vinci zitiert. Der Engel kündigt die Geburt eines Kindes an - sein Name soll Jesus sein. Der Name ist Programm: Retter, Erlöser. Er rettet von Sünd und Tod - so sagt es ein altes Weihnachtslied. Er heilt Wunden, die des Leibes und der Seele, trocknet Tränen. Die Erinnerung an ihn macht erste Schritte in eine Zukunft möglich, die nicht mehr vernagelt ist. Davon wird zu reden sein, wenn ab morgen hier wieder Trauerfeiern stattfinden werden.

Auf der - von Ihnen gesehen - rechten Seite  hat Jan Koblasa das letzte Abendmahl ebenfalls von Leonardo da Vinci nachgebildet. Es steht für Gemeinschaft beim Abschied, erzählt vom Brot des Lebens und Kelch des Heils. Und es weist gleichzeitig über diese Zeit hinaus: Sie werden kommen vom Osten und vom Westen, vom Norden und vom Süden und zu Tische sitzen im Reich Gottes. Damit ist die Hoffnung der Verwundeten angesprochen, auch im Blick auf die, von denen wir Abschied nehmen. Der Tod bringt uns unserem Gott, mitten hinein in sein Reich des Friedens. Wenn wir unseren Platz an den Tischen dieser Welt verlassen, ist ein Platz für uns frei in der Tischgemeinschaft mit unserem Gott. Wir finden Aufnahme an einem guten Ort, an dem Leben unzerstörbar, ohne Minderung gestaltet wird.

Zwei Nachbildungen unten und oben auf dem Längsholz beeindrucken mich besonders. Unten die Sixtinische Madonna nach Raffael und oben die Pieta nach Michelangelo. Die Madonna markiert den Anfang des Lebens Jesu - die Pieta sein Ende. Beide Bilder sind geprägt von Zuwendung und großer Zärtlichkeit. Bei Trauerfeiern halten wir auch Rückblick auf ein Leben von seinem Beginn bis zum Ende. Wovon war es geprägt? Was gab Sinn und Inhalt? Sind Zuwendung - auch Zärtlichkeit - tragende Elemente gewesen? Ohne Zuwendung wird menschenwürdiges Leben verfehlt und ohne Zärtlichkeit vertrocknet eine Seele. Beides spielte im Leben Jesu eine große Rolle, von beidem erzählt das Kreuz. Tragen wir Sorge dafür, dass Zuwendung und Zärtlichkeit weder im Leben noch im Sterben unter die Räder kommen.

Im Schnittpunkt von Quer- und Längsholz die Dornenkrone, die sich aus der quälend stacheligen Enge in eine strahlende Gloriola verwandelt - so beschreibt Jan Koblasa sie. Also in einem Ehrenkranz. Mein Jesus ist mein Ehre, mein Glanz und schönes Licht - so singt Paul Gerhardt, und er fährt fort: Wenn der nicht in mir wäre, so dürft und könnt ich nicht vor Gottes Augen stehen und vor dem Sternensitz, ich müsste stracks vergehen wie Wachs im Feuersitz. Auch das ist nicht zu verschweigen: Im Tod steht das Leben auf dem Herrn über Leben und Tod. Was rettet mich? Wer öffnet mir die Tür zum Paradies? Nicht meine Ehre. Mein Christus ist mein Ehre. Damit will ich vor Gott bestehn. Davon erzählt die Dornenkrone, die Gloriola.

Und so ist der oberste Teil des Längsholzes nur zwingend logisch. Die Krönung durch die Pyramide der Trinität. Erinnerung an Gott, dem Vater, der uns mit Mutterhänden leitet; Gott, den Sohn, der uns Bruder wurde und Freund, besonders im Leiden; Gott, den Heiligen Geist, der ein Geist der Liebe ist und des Friedens. In seinem Namen sitzen wir hier, heute und ab morgen bei Trauerfeiern. - Die Pyramide ragt förmlich hinein in den Lichthof über dem Kreuz. Damit ist das Ziel angedeutet: Auferstehung hinein in ewiges Licht. Es fällt von oben auf das Kreuz und das Kreuz führt in dieses Licht hinein. Also mit Fug und Recht: Auferstehungskapelle mit raumgreifendem Kreuz.

Wenn nun die Orgel erklingt, mögen Sie Ihre eigenen Gedanken und Empfindungen angesichts des Kreuzes von Jan Koblasa spielen lassen. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre Eure Herzen und Sinnen in Christus Jesus unserm Herrn.

Amen

Pastor Johannes Weingärtner

Predigt anlässlich der Einweihung